Klaviertranskriptionen von Franz Liszt – die Idee solch einer Zusammenstellung ist nicht neu. Freilich wartet die Edition von Praxedis Geneviève Hug mit einer eher ungewöhnlichen und attraktiven Auswahl auf. Neben den häufiger zu hörenden Paraphrasen über Ausschnitte aus den Bühnenwerken Richard Wagners stehen seltener anzutreffende Fantasien über Vorlagen von Gioachino Rossini. Und vollends Raritätenwert genießen die ausgewählten Lied-Bearbeitungen verschiedener Komponisten der romantischen Ära.
Kurzum die aparte Palette einer entschlossenen Liszt-Verehrerin, wie sich die Schweizer Pianistin Praxedis Geneviève Hug selber definiert. Im übrigen sucht sie hier nicht oder jedenfalls nicht in erster Linie die virtuose Bravour, die man man üblicherweise mit dem Klavierschaffen Franz Liszts verbindet. Die 31jährige Künstlerin beherrscht zwar, wenn auch ohne Aufdringlichkeit, die virtuose Allüre – das merkt man bei jenen Passagen, wo es auf heftigen Zugriff ankommt. Also von den verwegenenen Rossini-Variationen des 13jährigen Wunderkindes Liszt bis zum impetuos aufrauschenden Rienzi-Fantasiestück. Aber insgesamt sind es doch die poetischen Gefilde, die bei der Pianistin aufblühen – mit subtilem lyrischem Ton, ein Cantabile ohne sentimentalen Beigeschmack. Besonders schön, finde ich jedenfalls, gelingt dies bei den melossüchtigen Fantasien frei nach den Soirées musicales von Rossini. Viel zärtliches Schwärmen.
Und dann eben die Lied-Transkriptionen, die der dreiteiligen Kassette sogar den Titel gegeben haben: „The Wings of Song“. Auf den Flügeln des Gesangs – und das zumeist auf Nebenpfaden des romantischen Stranges. Praxedis Geneviève Hug wählte von Liszts rund hundertfünfzig einschlägigen Stücken fast ausnahmslos weniger Vertrautes. Schubert zum Beispiel wird ganz umgangen, an Prominenz findet sich bloss Robert Schumann mit drei Kostproben (die dieser übrigens ablehnte, weil er Liszts Arrangements wenig schätzte). Der Rest sind Kleinmeister des 19. Jahrhunderts wie Joseph Dessauer oder Otto Lessmann oder Josef Theodor Krov (dessen Hussitenlied übrigens mit Jan Hus nichts zu tun hat, sondern eine ungarische Hymne ist!). Sogar adlige Amateure wie Leo Festetics oder Ernst von Sachsen-Coburg-Gotha wurden berücksichtigt, wenn sie sich als Gönner des aufstrebenden Künstlers Franz Liszt genügend ausgewiesen hatten. Pikanterweise werden diese bescheidenen Kreationen durch Liszts pianistische Umsetzung sogar aufgewertet!
Mario Gerteis [21.10.2015]