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CD-Rezension Brahms-Tänze Paladino


Johannes Brahms Ungarische Tänze sind weltberühmtes „Standardrepertoire“. Sie markieren einen Meilenstein im Repertoire des 19. Jahrhunderts. Hier wird jede später aufgeworfene Trennlinie zwischen sogenannter „U- und E-Musik“ in der Klassik fröhlich negiert. Oft in Einzelstücken dargeboten, gerne als Zugaben herangezogen und nicht selten als Filmmusik für berühmte Leinwandklassiker funktionalisiert – man denke etwa an die Friseur-Szene aus Charlie Chaplins „Großem Diktator“- ist diese Musik bestens vertraut und rangiert damit auch schon manchmal an der Grenze zur Überstrapazierung.
Man werfe kurz einen Blick auf die Geschichte: Johannes Brahms machte in seiner Heimatstadt Hamburg Bekanntschaft mit vielen ungarischen Emigranten, die sich gerade in der Hafenstadt für die neue Welt einschifften. Er lernte deren Musik kennen und die Faszination war geweckt. Später erschloss er sich systematisch den ganzen Reichtum der zahllosen überlieferten Volksweisen. Auf Konzerttourneen mit dem Geiger Joseph Joachim betrieb er regelrecht Feldforschungen, stets auf Tuchfühlung mit den mitreißenden Melodien und schwelgerischen Rhythmen der ungarischen Folkloregruppen. Was den Geschmack der Zeit und der ganzen Nachwelt bis heute betrifft, lag er mit diesem Engagement goldrichtig, wie die Geschichte gezeigt hat.
Praxedis Hug-Rütti (Harfe) und Praxedis Geneviève Hug (Klavier), sind ein Mutter-Tochter-Duo aus der Schweiz. Beide richten mit dieser ganz und gar neuartigen Brahms-Aufnahme einen unverstellten, neugierig forschenden Blick auf dieses Repertoire. Zunächst ist es ein verdienstvolles Unterfangen, einmal den Gesamtzyklus sämtlicher Tänze in einem durchgehenden Bogen zu musizieren und sich nicht nur einzelne „Hits“ heraus zu greifen. Aber die beiden leisten mehr: Ausgehend von einer Fassung für vierhändiges Klavier wagen die Beiden eine Neuorganisation des komponierten Materials. Das heißt, dass sie alle vier Stimmen der Klavierpartitur betont flexibel neu aufteilen, dabei stets den gleichberechtigten Diskurs im Blick behaltend.
Was diese aktuelle Aufnahme des seit 2009 international vielbeachteten Duos vor allem auszeichnet, ist die filigrane, transparente Klanglichkeit, die aus der Konstellation Harfe plus Klavier in schier unerschöpflichem Maße hervorgeht. Oft umranken die Girlanden und Arpeggien der Harfe die energisch resoluten Klavierimpulse seitens der Partnerin am Flügel. Aber die Rollen können sich schon im nächsten Moment ganz anders verteilen. Auf jeden Fall zahlt sich der intuitive Gleichklang von Mutter und Tochter bestens aus. Traumwandlerisch und impulsiv spielen sich die beiden die Akzente zu, formen kantable Linien und lassen sich von der ansteckenden Brahms′schen Melodik und der temperamentvollen Rhythmik zum fröhlichen Diskurs anstacheln. Und – was das Hörvergnügen zusätzlich erfrischend macht – es stehen die einschlägig bekannten Bravourstücke neben relativ selten gespielten Melodien. In dieser Lesart bieten die „ewigen“ Ungarischen Tänze neues Entdeckungspotenzial, bei ungebrochenem Unterhaltungswert.
Stefan Pieper [24.07.2015]