Das schweizerische Mutter-Tochter-Duo Praxedis Hug-Ruetti, Harfe und Praxedis Geneviève Hug, Klavier, haben sich in den letzten Jahren ein vielfältigstes Repertoire für diese ungewöhnlich erscheinende Besetzung erschlossen. Jetzt gehen diese beiden empfindsamen, zugleich stilistisch außerordentlich wendigen Musikerinnen aus der Schweiz den historischen Wurzeln der Konstellation „Harfe plus Klavier“ auf den Grund – und die war im späten 18. Jahrhundert alles andere als ungewöhnlich. Das Bürgertum hatte das Musikmachen selbst in die Hand genommen und brauchte neues, passendes Repertoire. Ebenso fühlten sich die Instrumentenbauer zu neuen Entwicklungen angestachelt: So wurde im Haus Érard die heute noch übliche Konzertharfe erfunden. Komponisten wie François-Adrien Boieldieu (1775-1834), Johann Nepomuk Hummel (1778-1837), François-Joseph Dizi (1780-1840), Johann Baptist Krumpholz (1742-1790), Guillaume Gatayes (1774-1846) Daniel Steibel (1765-1823) oder Federigo Fiorillo (1778-1837) schufen mehrsätzige Duett-Kompositionen oder auch konzertante Rondos – immer geht es dabei um ein Musikideal, das in direkten Botschaften und einer neuen Einfachheit die Zukunft sah.
Praxedis Hug-Rütti und Praxedis Geneviève Hug machen dieses kurzweilige Repetoire für die heutige Zeit entdeckbar. Auf ihrer neuen Doppel-CD erzeugen sie damit einen musikalischen Fluss voller Lebenskraft und inspirierender Anmut. Sehr förderlich für eine durchgängig stimmige Dramaturgie ist dabei ein „roter Faden“, den Johann Nepomuk Hummels fünf Rondolettos erzeugen, um dann jeweils mit dem Werk eines anderen Komponisten kontrastiert zu werden.
Beide überbieten sich in ihrer sprühenden, in jedem Moment absolut uneitlen Spielfreude. Was kein Widerspruch zu einer schwerelos artikulierten, dennoch extrem detailscharfen Präzision ist. Man gerät ins Staunen und Schwelgen angesichts der unverbrauchten Frische, die aus dem Esprit frühklassischer Melodik so vielgestaltig hervorgeht. Die vordergründige „Einfachheit“ wirkt hier wie ein großer Reichtum - eben weil beide Interpretinnen mit so viel Leidenschaft, Beweglichkeit und Ehrlichkeit agieren. Filigran und fein verästelt entfalten sich die Tongirlanden der Harfe von Praxedis Hug-Rütti, während Praxedis Geneviève Hug mit ihrem vitalen Klavieranschlag für lebendigen Vortrieb sorgt. Das kommt mal liedhaft-fröhlich, gerne auch etwas vorwärtsdrängend rasant und dann wieder zart melancholisch daher. Diese musikalischen Dialoge sind Einklang und nie Konfrontation.
Mannigfaltige melodische Möglichkeiten, humorige Pointen und ganz viel Anmut – dies alles floss den Komponisten dieser Zeit unerschöpflich aus der Feder. Diese Musik soll immer kommunikatives Miteinander und nie eitle Selbstdarstellung sein. Das Duo Praxedis hat dieses Prinzip intuitiv erfasst – und erzeugt damit lichtdurchflutete musikalische Sternstunden mit Suchtfaktor! Die hervorragende klangliche Transparenz dieser Produktion tut ein übriges: Überaus plastisch wirkt, wie das Harfenspiel immer ganz dicht dran ist an den melodischen Linien des Klaviers.
Stefan Pieper [06.03.2017]